In diesen Tagen läuft der Konzertsommer im Stadion, das Eintracht Frankfurt Museum bleibt deswegen aktuell geschlossen. Doch Sportbildung gibt’s auch via Fernuni. Wir haben den Redakteur und Autor Ulrich Matheja gebeten, uns die Geschichte der Weltmeisterschaften aufzuschreiben. Teil 9 berichtet von den Turnieren 2002 bis 2014.
Die Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea
2002 fand die WM erstmals in Asien und in zwei Ländern statt: Südkorea und Japan. Ursprünglich als Einzelbewerber ins Rennen gegangen, kam es auf dem FIFA-Kongress 1996 zum Kompromiss. Angesichts des durch die japanische Kolonialzeit (1910 bis 1945) belasteten Verhältnisses beider Länder eine beachtliche Entscheidung. Für die „ansteckende Freude, der großen Euphorie und Gastfreundschaft und ihrem fairen Verhalten“ erhielten beide Länder 2002 den FIFA-Fairplay-Preis.
Mit Teamchef Rudi Völler gelang der DFB-Elf in der Qualifikation im letzten Spiel im „alten“ Wembley ein 1:0. Nach einem 1:5 im Rückspiel in München hatten aber die Engländer wegen der besseren Tordifferenz die Nase vorn. Deutschland kam im letzten Spiel in Gelsenkirchen nicht über ein 0:0 gegen Finnland hinaus, doch Griechenland führte in England 2:1. Die Hoffnungen auf Schützenhilfe durch Otto Rehhagels Team platzten in der Nachspielzeit durch David Beckhams Ausgleich. Während sich Deutschland daraufhin in den Play-offs gegen die Ukraine durchsetzte, schied Rumänien gegen Slowenien und Österreich gegen die Türkei aus. Auch die Niederlande und die 1994 so starken Bulgaren waren 2002 nicht dabei. Dafür erstmals Slowenien, China, der Senegal und Ecuador. Zum letzten Mal war der Titelverteidiger automatisch qualifiziert.
Im Eröffnungsspiel schlug Senegal Frankreich 1:0 und erreichte das Achtelfinale, während der Titelverteidiger als Gruppenletzter heimfahren musste. Auch Südkorea und die USA kamen weiter, dagegen wurde Argentinien nur Dritter hinter Schweden und England. Deutschland besiegte Saudi-Arabien 8:0, kassierte gegen die Iren in der Nachspielzeit das 1:1, schlug aber im letzten Spiel die von Winfried Schäfer betreuten Kameruner mit 2:0.
In der K.O.-Runde in Korea hieß es dreimal 1:0. Gegen Paraguay traf Neuville, gegen die USA verhinderte Oliver Kahn Schlimmeres und im Halbfinale gegen Südkorea wurde Michael Ballack zum tragischen Helden: Torschütze des Tages, aber nach der zweiten Gelben Karte fürs Endspiel gesperrt! Der Co-Gastgeber hatte zuvor Italien durch Golden Goal und Spanien im Elfmeterschießen ausgeschaltet und war der erste Halbfinalist, der nicht aus Europa oder Südamerika kam. Die Türkei, erstmals seit 1954 wieder am Start, unterlag nach einem 1:2 im Gruppenspiel erneut gegen Brasilien (0:1.)
Das Finale von Yokohama war im Vorfeld auf das Duell Ronaldo gegen Kahn reduziert worden. „Bester Stürmer gegen besten Torhüter. Kreativität gegen Sicherheit.“ Da Kahn einmal patzte und Ronaldo zwei Mal traf, feierte die Seleção ihren fünften WM-Titel - bis heute die meisten Titel vor Deutschland und Italien mit jeweils vier Erfolgen.
Die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland
Bei der Heim-WM 2006 war Rudi Völler nicht mehr an Bord, er war nach der enttäuschenden EM 2004 zurückgetreten und durch Jürgen Klinsmann ersetzt worden. Der in den USA lebende Schwabe überraschte mit neuen Trainingsmethoden und belegte mit den Deutschen beim Confederations Cup 2005 Platz drei. Selbst nach einem deprimierenden 1:4 Anfang März 2006 in Florenz gegen Italien setzte er seinen Weg unbeirrt fort und bootete im April sogar Torhüter-Ikone Kahn aus.
Mit Angola, der Elfenbeinküste, Ghana, Togo, Trinidad & Tobago und der Ukraine gab es 2006 sechs WM-Debütanten. Von den bisherigen Titelträgern fehlte nur Uruguay, das in den Playoffs an Australien gescheitert war. Da die Ozeanien-Zone erst ab der WM 2026 (!) ein fester Startplatz eingeräumt wurde, wechselten die Aussies 2005 nach vier Playoff-Pleiten gegen Schottland (1986), Argentinien (1994), den Iran (1998) und Uruguay (2002) in die Asiatische Konföderation.
Im Gegensatz zu 2002 blieb 2006 keiner der Favoriten in der Gruppenphase auf der Strecke. Nach Siegen gegen Costa Rica (4:2), Polen (1:0), Ecuador (3:0) und Schweden (2:0) setzte sich das DFB-Team im Viertelfinale gegen Argentinien durch. Durch Frankreichs 1:0 gegen Brasilien waren die Europäer im Halbfinale unter sich. Nach dem 0:2 gegen Italien wurde Deutschland am Ende gegen die starken Portugiesen Dritter (3:1). Die Times lobte: „Das deutsche Team ist mit Angriffslust neu aufgestellt und das Land ist ein fröhliches geworden.“ Auch Günter Netzer gestand: „Ich habe mich eines Besseren belehren lassen. Jürgen Klinsmann hatte ein Ziel, und das hat er verfolgt, er hat sich nicht beirren lassen von Kritikern wie mir, er hat sein Ziel erreicht, und das nötigt mir Bewunderung und Respekt ab.“ Doch der so Gelobte übergab den Stab nach der WM an seinen Assistenten Joachim Löw.
Während man beim DFB mit dem Sommermärchen durchaus zufrieden war, löste das Endspiel zwischen Italien und Frankreich eine kontroverse Diskussion um die sportliche Bilanz der WM aus, „die zwischen gelegentlichem Hochgenuss und tiefen Verdruss über mangelnde Leistung schwankte.“ Trainer-Legende César Luis Menotti sprach im kicker-sportmagazin von einer „Null-Risiko-WM“, Michel Platini pflichtete ihm bei. Nach zwei schnellen Toren verflachte die Partie und hatte in der Verlängerung mit der Roten Karte gegen Zinedine Zidane ihren traurigen Höhepunkt. Italien siegte schließlich im Elfmeterschießen und fuhr den vierten WM-Titel ein.
Die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika
Viel Skepsis gab vor der WM in Südafrika: überschwappende Kriminalität, mangelnde Infrastruktur, Korruptheit, Unfähigkeit der Behörden. Es wurde jedoch „eine fröhliche, farbenfrohe Weltmeisterschaft, manchmal unkonventionell im Detail, aber umso herzlicher in der Umsetzung.“ Erstmals hatten sich Nord- und Südkorea qualifiziert. Frankreich kam in den Playoffs gegen die Republik Irland durch ein Tor von Thierry Henry in der Verlängerung weiter, obwohl er zuvor den Ball mit der Hand gespielt hatte. Deutschland wurde Gruppensieger vor Russland, das in den Playoffs an Slowenien scheiterte.
Die Finalisten 2006, Italien und Frankreich, schieden 2010 bereits in der Vorrunde aus. England verpasste den Gruppensieg wegen weniger erzielter Tore gegen die USA und traf daher im Achtelfinale auf Deutschland. Beim 4:1 in Bloemfontein übersah Schiedsrichter Larrionda, dass der Ball bei Lampards vermeintlichem 2:2 eindeutig hinter der Linie war. Deutschland gewann schließlich mit 4:1 und schickte im Viertelfinale auch Argentinien mit Messi & Co. mit 4:0 nach Hause. Wie schon im EM-Finale 2008 war für das DFB-Team im Halbfinale gegen Spanien Endstation. Die Niederlande standen zum dritten Mal nach 1974 und 1978 im Finale, das sie in der Verlängerung mit 0:1 verloren. Spanien trug sich als achtes Land in die Siegerliste der WM ein.
Die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien
2014 ist durch das Tor von Mario Götze im Endspiel gegen Argentinien noch in bester Erinnerung. In der Qualifikation erzielte die deutsche Mannschaft 36 Tore und schenkte nur gegen Schweden den Sieg nach 4:0-Führung in der Nachspielzeit noch her – 4:4! Dafür revanchierte man sich in Solna nach 0:2-Rückstand mit einem 5:3. Zum ersten Mal ließ Island mit dem Erreichen der Playoffs aufhorchen. Einziger WM-Neuling 2014 war Bosnien-Herzegowina.
Für Italien und Spanien, die Titelträger 2006 und 2010, war das Turnier 2014 bereits nach der Gruppenphase beendet. Beim deutschen 4:0 gegen Portugal stahl Thomas Müller Cristiano Ronaldo mit drei Toren die Show. Im Achtelfinale gegen Algerien (2:1) musste „Libero“ Manuel Neuer mehrmals weit vor seinem Tor klären, bevor Schürrle und Özil in der Verlängerung trafen. Gegen Frankreich reichte ein frühes Tor von Hummels (13.).
Fünfmal hatte Deutschland ein Halbfinale einer WM verloren. Doch die Bilanz in Spielen gegen Brasilien war seit 2002 ausgeglichen. Brasiliens Trainer Luiz Felipe Scolari war trotz des Ausfalls von Starspieler Neymar zuversichtlich und sagte in der Daily Mail: „Wir haben uns die Spiele der deutschen Mannschaft angesehen und unsere Scouts haben uns erklärt, wie wir sie schlagen können.“ Er ahnte noch nicht, dass das Trauma von Rio de Janeiro 1950 eine Fortsetzung finden sollte.
Etwas über das Spiel in Belo Horizonte zu schreiben, ist wie Eulen nach Athen zu tragen. Wir saßen bei unserem Griechen, als ein Bekannter reinkam und rief: „4:0 für Deutschland.“ „5:0“, antwortete ich trocken. Das 7:1 war der zweithöchste deutsche WM-Sieg nach dem 8:0 von Sapporo 2002 gegen Saudi-Arabien. In Brasilien hat das Ergebnis indes Eingang in den Sprachgebrauch gefunden und steht als Metapher für eine vernichtende Niederlage.
Aber noch war nichts gewonnen, denn im Endspiel wartete Argentinien, das sich gegen die Niederlande durchgesetzt hatte. Für Deutschland war es das achte WM-Finale, für Argentinien das fünfte. Auch diesmal ging es für mich zum Griechen – man ist ja schließlich nicht abergläubisch. Als wir gegen Ghana woanders waren, hieß es 2:2! „Götze entscheidet den rassigen Schlagabtausch“ lautete die kicker-Schlagzeile am Tag danach. „Ein rassiges und kurzweiliges Finale mit hohem Tempo und teils grenzwertigen Zweikämpfen. Spielanteile und Chancen hielten sich die Waage, beide Teams suchten aktiv die Entscheidung. Mit zunehmender Spieldauer wurde der Schlagabtausch mehr und mehr zum Abnutzungskampf. Mit dem glücklicheren Ende für Deutschland dank Götzes Traumtor.“ Zwei Wochen später schenkten mir Arbeitskollegen das schwarz-rote Halbfinaltrikot zum Geburtstag – ganz frisch mit vier Sternen und WM-Logo!
von Ulrich Matheja
Der abschließende zehnte Teil der WM-Geschichte folgt am 26. Juni.






